Was war das erste Musikinstrument? Archäologische Belege

Es gibt kein einzelnes Fundstück, das die Archäologie sicher als „das erste Musikinstrument“ bezeichnen kann. Menschen konnten singen, klatschen, stampfen, pfeifen oder Gegenstände gegeneinanderschlagen, lange bevor sie Instrumente herstellten, die im Boden erhalten blieben. Musik dürfte deshalb viel älter sein als das älteste ausgegrabene Instrument.

Die deutlichsten frühen Belege sind sorgfältig gefertigte Flöten aus Knochen und Mammutelfenbein aus Höhlen der Schwäbischen Alb. Sie zeigen, dass moderne Menschen vor mehr als 35.000 Jahren bereits eine entwickelte Tradition des Instrumentenbaus besaßen. Dass die Flöte das erste Instrument der Menschheit war, beweisen sie nicht.

Warum sich das erste Instrument nicht bestimmen lässt

Stein, Knochen, Muschelschale und gebrannter Ton bleiben unter archäologischen Bedingungen viel eher erhalten als Holz, Haut, Pflanzenfasern oder Kürbis. Ein hölzernes Schrapinstrument, eine mit Haut bespannte Trommel oder eine Samenrassel kann vollständig verschwinden, während eine gleich alte Knochenflöte überdauert. Der Befund bevorzugt daher haltbare Materialien.

Musik braucht zudem keinen getrennten Gegenstand. Stimme und Körper können Melodie, Puls, Akzent und gemeinschaftlich koordinierte Bewegung hervorbringen. Gesang und Körperperkussion hinterlassen keine direkten Fossilien. Eine Ausgrabung kann folglich nicht zeigen, wann Menschen zum ersten Mal Musik machten.

Welches ist das älteste sicher erkannte Musikinstrument?

Zu den stärksten Kandidaten gehören Flöten des Jungpaläolithikums aus der Schwäbischen Alb im Südwesten Deutschlands. In der Höhle Hohle Fels wurde eine fast vollständige Flöte aus dem Speichenknochen eines Gänsegeiers gefunden, außerdem Fragmente von Flöten aus Mammutelfenbein. Die Stücke gehören ins Aurignacien und belegen eine entwickelte Musiktradition vor mehr als 35.000 Kalenderjahren.

Weitere Flöten aus Geißenklösterle und Vogelherd stützen dieses Bild. Grifflöcher in einen Vogelknochen zu arbeiten erforderte Planung und Kontrolle. Eine Elfenbeinflöte war noch aufwendiger: Der Stoßzahn musste geteilt, in zwei passende Hälften geformt, ausgehöhlt und so dicht zusammengefügt werden, dass eine Luftsäule entstand. Es handelt sich um geplante Instrumente und nicht um zufällig klingende Gegenstände.

Durchbohrter paläolithischer Knochen, bekannt als Divje-Babe-Fund

Bild: Dalbera, Wikimedia Commons, CC BY 2.0. Ob der abgebildete Divje-Babe-Fund ein Instrument ist, bleibt umstritten. Er gehört nicht zu den sicher erkannten Flöten der Schwäbischen Alb.

Was ist mit der „Flöte“ von Divje Babe?

Ein durchlöcherter Höhlenbärenknochen aus Divje Babe in Slowenien wird gelegentlich als Neandertalerflöte und als deutlich älter als die deutschen Funde bezeichnet. Die Deutung ist nicht geklärt. Manche Forschende sehen absichtlich angelegte Löcher und Spuren einer musikalischen Nutzung. Andere erklären die Öffnungen mit Raubtierzähnen und späteren Beschädigungen.

Divje Babe sollte deshalb als mögliches Instrument gelten, nicht als sichere Antwort. Die Flöten der Schwäbischen Alb sind jünger, doch ihre Herstellung durch Menschen und ihr musikalischer Zweck werden wesentlich breiter akzeptiert.

Waren Schlaginstrumente älter als Flöten?

Das ist möglich, aber nicht beweisbar. Steine, Stöcke, Schalen oder Holzstücke gegeneinanderzuschlagen ist ein naheliegender Weg, einen Puls zu erzeugen. Auch Hohlstämme, bespannte Rahmen und Rasseln kommen als frühe Instrumente infrage. Viele wären jedoch kaum von Werkzeugen oder Naturgegenständen zu unterscheiden und würden verrotten.

Aus späteren Zeiten sind Rasseln, Trommeln, Schwirrhölzer, Schraper und Schlagobjekte aus verschiedenen Weltregionen bekannt. Keiner dieser Funde zeigt, wann ein Mensch rhythmisch erzeugten Klang erstmals als Musik verstand. Ein Hohlstamm als erstes Instrument ist daher eine plausible Vermutung, aber kein archäologisch gesicherter Sachverhalt.

Weitere wichtige frühe Funde

Knochenflöten aus Jiahu

In Jiahu in der chinesischen Provinz Henan wurden vollständige Flöten aus Flügelknochen des Mandschurenkranichs ausgegraben. Sie stammen aus dem frühen Neolithikum, ungefähr 7000 bis 5700 v. Chr. Mehrere Exemplare besitzen fünf bis acht Grifflöcher; eine gut erhaltene Flöte wurde gespielt und akustisch untersucht. Sie sind wesentlich jünger als die europäischen paläolithischen Fragmente, gehören aber zu den frühesten vollständigen, spielbaren und eng datierten mehrtönigen Instrumenten.

Muschelhörner

Eine große Tritonschnecke aus der Höhle von Marsoulas in Frankreich wurde vor etwa 18.000 Jahren verändert und als Blasinstrument verwendet. Solche Funde zeigen, dass frühe Instrumentenbauer weder auf eine Form noch auf einen Werkstoff beschränkt waren. Knochen, Elfenbein, Schale, Holz, Haut und Pflanzenmaterial boten unterschiedliche Möglichkeiten, Klang zu steuern.

Frühe Saiteninstrumente und Trommeln

Die Geschichte von Saiteninstrumenten und Membrantrommeln ist besonders schwer nachzuverfolgen, weil zentrale Bauteile vergehen. Spätere archäologische Funde und Darstellungen belegen Harfen, Leiern, Lauten und Trommeln in mehreren frühen Hochkulturen. Diese ausgereiften Instrumente müssen Vorstufen gehabt haben, die nicht erhalten sind.

Wie erkennt die Archäologie ein Instrument?

Ein Knochen mit Löchern ist nicht automatisch eine Flöte, und ein Hohlkörper nicht automatisch eine Trommel. Forschende führen mehrere Befundarten zusammen:

  • Bearbeitungsspuren: Wurden Öffnungen geschnitten, geschabt oder gebohrt, oder entstanden sie durch Bisse und Brüche?
  • Muster und Abstände: Bilden die Löcher eine bewusste Anordnung, mit der sich Tonhöhen verändern lassen?
  • Abnutzung und Rückstände: Gibt es Spuren wiederholten Haltens, Blasens oder Schlagens?
  • Fundzusammenhang: Lag das Objekt in einer sicheren, datierten Schicht oder in vermischtem Sediment?
  • Akustischer Versuch: Erzeugt eine Rekonstruktion kontrollierbaren Klang, ohne Merkmale hinzuzufügen, die am Original fehlen?

Ein einzelner Test entscheidet nicht jeden Streitfall. Eine belastbare Bestimmung entsteht, wenn mehrere unabhängige Hinweise in dieselbe Richtung weisen.

Von Klangwerkzeugen zu Instrumentenfamilien

Im Lauf der Zeit lernten Hersteller, verschiedene Schwingungsquellen zu kontrollieren. Die moderne Instrumentenkunde ordnet Instrumente häufig danach, was schwingt:

FamilieSchwingender TeilBeispiele
IdiophoneDer Instrumentenkörper selbstKlappern, Rasseln, Glocken
MembranophoneEine gespannte MembranRahmentrommeln, Bechertrommeln
AerophoneEine LuftsäuleFlöten, Rohrblattinstrumente, Hörner
ChordophoneEine oder mehrere gespannte SaitenHarfen, Lauten, Zithern

Diese Entwicklung verlief nicht geradlinig von „einfach“ zu „fortschrittlich“. Eine schlichte Rassel kann eine komplexe Zeremonie oder einen Tanz tragen, während eine genau gearbeitete Flöte erhebliches handwerkliches Wissen verlangt. Gemeinschaften wählten Formen und Materialien, die zu ihrer Musik, Umwelt und Lebensweise passten.

Was die frühen Flöten tatsächlich verraten

Die deutschen Flöten zeigen, dass Musik bereits etabliert war, als moderne Menschen im eiszeitlichen Europa lebten. Wiederkehrende Bauweisen, sorgfältig gesetzte Löcher und die Verwendung verschiedener Materialien sprechen für geteiltes Wissen statt für ein einmaliges Experiment. Musik könnte Tanz, Erzählung, Zeremonie, Unterricht, Partnerwerbung oder sozialen Zusammenhalt unterstützt haben. Ein Fundstück kann seinen konkreten Aufführungskontext aber nicht nennen.

Die vorsichtige Schlussfolgerung lautet: Musikalisches Verhalten ist älter als der erhaltene archäologische Befund, und bereits im frühen Jungpaläolithikum stellten Menschen technisch anspruchsvolle Blasinstrumente her.

Häufige Fragen

Was war das erste Musikinstrument?

Wir wissen es nicht. Stimme und Körperperkussion könnten älter sein als gebaute Instrumente; frühe Klanggeräte aus Holz, Haut oder Pflanzen sind möglicherweise restlos vergangen.

Welches ist das älteste weithin anerkannte Instrument?

Flöten aus Knochen und Mammutelfenbein von der Schwäbischen Alb zählen zu den ältesten sicher bestimmten Instrumenten. Sie belegen Musik vor mehr als 35.000 Jahren; zugehörige Schichten werden häufig in die Zeit um 40.000 Jahre vor heute eingeordnet.

Ist der Knochen von Divje Babe die älteste Flöte?

Möglicherweise, doch die Behauptung bleibt umstritten. Uneinigkeit besteht darüber, ob Menschen die Löcher für ein Instrument anlegten oder ob Raubtierschäden und spätere Vorgänge sie verursachten.

Gab es Trommeln vor Flöten?

Das ist plausibel, weil sich mit Händen, Stöcken, Haut und Hohlholz leicht Rhythmus erzeugen lässt. Der archäologische Befund kann derzeit nicht zeigen, was zuerst kam.

Welches ist das älteste spielbare Instrument?

Die ungefähr 9.000 Jahre alten Kranichknochenflöten aus Jiahu gehören zu den frühesten vollständigen, spielbaren und sicher datierten mehrtönigen Instrumenten.

Eine bessere Antwort als ein einzelner Gegenstand

Die Suche nach dem ersten Instrument endet nicht bei einer bestimmten Flöte, Trommel oder Rassel. Die Befunde zeigen zwei Geschichten: eine unsichtbare Geschichte von Stimmen, Bewegung und vergänglichen Klangerzeugern sowie eine sichtbare Geschichte, die in Knochen, Elfenbein und Schale erhalten blieb. Die erste entzieht sich der Archäologie. Die zweite belegt, dass Menschen schon vor Zehntausenden Jahren gekonnte Instrumentenbauer waren.

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Forschungsgrundlage: N. J. Conard, M. Malina und S. C. Münzel, „New flutes document the earliest musical tradition in southwestern Germany“, Nature 460 (2009); J. Zhang und weitere, „Oldest playable musical instruments found at Jiahu“, Nature 401 (1999).


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